Gedanken zur Weihnacht von Pfr. Lars Kunkel

201223 fensterIch stehe in der Auferstehungskirche und halte einen Moment inne. Eben haben wir den Weihnachtsbaum aufgestellt. Wenn es schon keine Präsenzgottesdienste geben wird, soll die Kirche mit der schönen Krippe, dem Stern von Bethlehem und auch dem riesigen Tannenbaum die Besucher*innen einladen und von Weihnachten erzählen.

Nun ist der Baum also geschmückt, die Nadeln werden vom Boden aufgefegt. Und mit der Ruhe nach dem Gewusel um den Baum kommen die Fragen: Wie wird es dieses Jahr am Heiligen Abend werden? Keine rappelvolle Kirche, keine aufgeregten Konfirmandinnen und Konfirmanden vor dem Krippenspiel, kein fröhlich feierlich wehmütiges „O du fröhliche“, das hunderte fremder Menschen auf wunderbare Weise zu einem bewegten Chor vereint. Das alles wird uns fehlen.

Ich denke in diesem Moment aber auch an die Menschen, die einsam an diesem Abend sind, weil die Kinder nicht kommen oder weil jemand nicht mehr da ist. Ich denke an die Menschen, für die Weihnachten immer schon anstrengend war, weil es Streit in der Familie gibt oder das Geld hinten und vorne nicht reicht. Und in diesem Jahr kommt für viele noch die Angst um sich und die Angehörigen dazu, weil die Infektionszahlen immer noch steigen.

In solchen Gedanken versunken, wandert mein Blick zum großen Fenster in der Auferstehungskirche und bleibt an Maria hängen. Ich kenne das Kirchenfenster gut, doch merkwürdigerweise spricht es immer neu. Mir ist noch nie aufgefallen, wie ernst Maria mit ihren großen sanften Augen schaut. Hinter ihr liegt eine schwere Zeit.

Sie fürchtete sich, als sie durch den Engel Gabriel erfuhr, dass sie den Sohn Gottes gebären werde. „Wie soll das gehen?“, fragte die, die „von keinem Manne weiß“, wie die Bibel es so elegant formuliert. „Wie werden die Leute reagieren, wenn eine Jungfrau plötzlich schwanger ist? Wie kann eine einfache Frau überhaupt einen Gottessohn zu Welt bringen? Und wie wird Josef reagieren?“ Maria hat Angst. Sie hat keine Kontrolle mehr über das, was passiert.

Die Weihnachtsgeschichte beginnt im Grunde mit Furcht und Befürchtungen. Doch der Engel verkündet: „Fürchte Dich nicht!“.

Wenn es doch so einfach wäre, die Angst abzulegen. Angst gehört zum Leben. Gott ist nicht so weltfremd, als dass er das nicht wüsste. Im Gegenteil: Gott wird Mensch wie Du und ich. Er fühlt mit uns. Unsere Freude, aber auch die Sorgen, Nöte und Ängste.

Das Kind in der Krippe ist verletzlich wie wir, und es zeigt uns damit: Gott ist bei uns. Das Kind, das Maria zur Welt bringt, wird so zum Retter, weil wir nicht allein sind und nicht uns selbst und unseren Ängsten überlassen bleiben.

Und dieses „Fürchte Dich nicht, weil Gott bei Dir ist in Deiner Angst!“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel. Die Hirten auf dem Felde werden diese Botschaft hören, genau wie die Frauen am Grab des Auferstandenen. Und wie Generationen vor ihnen.

Und so schaue ich noch einmal auf das Kirchenfenster. Auf Maria und das seltsam stehende Baby, das mit dem Gesicht eines Erwachsenen seine Arme ausbreitet. Ein Kind umarmt die Welt und Dich und mich. Vielleicht spüren wir das in diesem Jahr viel intensiver, weil unsere Sehnsucht nach Gottes Nähe noch größer ist als sonst. Gott nimmt uns in die Arme - das zu erfahren ist auch ein Gottesdienst, ein Dienst, den Gott uns erweist.

Auf die großen Präsenzgottesdienste in der Auferstehungskirche verzichten wir in diesem Jahr – schweren Herzens, aber wohl überlegt. Es gibt aber Alternativen: In unserem Gemeindebrief finden Sie z. B. eine Andacht für Zuhause. Die Auferstehungskirche wird wie gewohnt täglich von 9 Uhr bis 18 Uhr geöffnet sein und bietet Raum für ein stilles Gebet (natürlich mit Schutzkonzept und Abstandsregelung). Während der Gottesdienstzeiten an den Fest- und Sonntagen stehen Ansprechpersonen für Seelsorgegespräche zu Verfügung. Neben anderen digitalen Angeboten bietet auch der Kirchenkreis einen Gottesdienst im Internet an. Information dazu finden Sie unter www.kirchenkreis-vlotho.de oder hier bei uns.

Das gesamte Team der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Oeynhausen-Altstadt wünscht Dir und Ihnen gesegnete Weihnachten und viel Hoffnung und Zuversicht für den Beginn des neuen Jahres.

Herzliche Grüße

Pfr. Lars Kunkel